Strategien der Selbst-Bestimmung

Text zur Ausstellung im Arnhem Municipal Museum

8 April - June 1995 von Paolo Bianchi
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Inhalt
I. Selbstbestimmung steht fr eigenes Leben
II. Selbstbestimmung als "Sich-Selbst-im-Anderen-Erkennen
III. Selbstbestimmung steht für Avantgarde
IV. Selbstbestimmung steht für politische Freiheit
V. Selbstbestimmung gleich Selbstverantwortung

I. Selbstbestimmung steht fr eigenes Leben

Wer heute in Holland, Frankreich, Finnland, Russland, der Schweiz, der Trkei, in Deutschland, England, Polen, Kanada und in den USA herumreist, st”sst immer wieder auf den Wunsch von Menschen, selbst ber ihr eigenes Leben bestimmen zu k”nnen. Wofr k„mpfen Menschen, wo h”rt fr sie der Spass auf, wen man ihnen etwas wegnehmen will, dann werden Geld, Arbeit, Macht, Liebe, Sex, Gott usw. genannt, aber, so der Soziologe Ulrich Beck, mehr und mehr die Verheissung des eigenen Lebens. "Mit nur leichter šbertreibung kann man sagen: Das allt„gliche Ringen um das eigene Leben ist zur Kollektiverfahrung der westlichen Welt geworden."

Ist das eigene Leben wirklich ein eigenes Lebens im Sinne eines frei schwebenden, selbstbestimmten, allein dem Ich und seinen Wnschen verpflichteten Lebens? Wohl kaum, bedenkt man wie institutionenabh„ngig unser Leben doch ist (Bildung, Arbeit, Recht, Staat, Armee, Kirche), abh„ngig von Verkehrsverbindungen und ™ffnungszeiten, von den Krisen der Wirtschaft und der Zerst”rung der Natur. Wird die Oma oder die Babysitterin, die die Kinder htet, krank, bricht die Konstruktion des eigenen Lebens in sich zusammen. Selbstbestimmung im eigenen Leben heisst, dass man, so Beck, "selbst etwas tun muss: aktiv, findig und pfiffig werden, Ideen entwickeln, schneller, wendiger, kreativer sein, um sich in der Konkurrenz durchzusetzen þ und dies nicht nur einmal, sondern dauernd, tagt„glich. Die einzelnen werden zu Akteuren, Konstrukteuren, Jongleuren, Inszenatoren ihrer Biografie, ihrer Identit„t, aber auch ihrer sozialen Bindungen und Netzwerke".

In den 90er Jahren wird eine erh”hte Orientierungslosigkeit der Menschen beklagt: "Der Zwang zur Selbstt„tigkeit, Selbstorganisation kann in Verzweiflung und damit m”glicherweise in stumme, brutale Wut umschlagen." Gefahren drohen: Trauer ber verlorengegange Tradition, Kulturpessimismus, Wertkonservatismus, und weitaus schmerzvoller: Gewalt, Neonationalismus und Neofaschismus.

II. Selbstbestimmung als "Sich-Selbst-im-Anderen-Erkennen"

Auf Kants Frage: "Was ist der Mensch?", hat Hegel sarkastisch geantwortet, er sei das Konkretum der Bedrfnisse.
Dem Streit zwischen substantiellen Bestimmungen, was der Mensch eigentlich sei, und Beschreibungen, wie er sich verhalte, entgeht keine Anthropologie, keine Philosophie und auch keine Kunst. Die Antwort auf die Frage "Was ist Kunst?" lässt ebenso keine Bestimmungen über Kunst zu, die sich auf das Prinzip Kunst reduzieren liessen, sondern führt zu Beschreibungen, was Kunst vermag oder eben nicht. Eine Selbstbestimmung von Kunst ist daher nicht m”glich, weil Kunst weder Wort noch Bild erst im Rezeptionsakt lebendiges, Bedeutung schaffendes Ereignis wird. Das reine Zeichen (bzw. Sehen, H”ren und Lesen), das isolierte Ding oder Signal gibt es nicht. Entscheidend ist der Kontext, die Beziehung zu etwas Anderem.

Gleiches gilt fr die Kultur: Kultur als reine Kultur existiert nicht und hat nie existiert. Kultur entsteht immer aus einer Vielfalt von zuweilen sogar gegens„tzlich erscheinenden Str”mungen. Kultur hat stets Philosophien und Kunstwelten verschiedener Kulturen miteinander vermischt. Kultur selbst ist das Produkt einer solchen Fusion und Friktion. Kultur ist daher von Anfang an interkulturellen Ursprungs.

Die Moderne schuf die Illusion, dass eine „sthetische Gestalt autonom sei, fr sich allein bestehen, ja sich sogar nur auf sich selbst beziehen k”nne. Einspruch: Das Žsthetische ist untrennbar mit dem Gesellschaftlichen verquickt. Es ist sogar davon abh„ngig.

Ernst Cassirer beschreibt in den 40er Jahren den Menschen als "animal symbolicum", das sich dadurch auszeichne, dass es sich nicht allein erkennen k”nne, Selbstbestimmung sei ein "Sich-im-Anderen-Erkennen". Die Selbstbestimmung der Kunst verl„uft genau gleich.

Paul Val‚ry hat gesagt: "Ein Mensch ohne andere ist nicht ein Mensch." Daraus l„sst sich folgern: Kunst ohne das Andere ist nicht Kunst.

III. Selbstbestimmung steht fr Avantgarde

Die Avantgarde als ein Produkt der Moderne und der Autonomie der Kunst k„mpfte fr die Befreiung der Kunst, um so zu eigener Selbst„ndigkeit und Selbstbestimmung zu gelangen: zur Autonomie der Avantgarde. Den Kampf gegen die Symbiose mit der Moderne, um sich so einen eigenen Platz zu sichern, um wirkliche Autonomie zu erreichen, hat die Avantgarde jedoch verloren. Sie ist und bleibt Sohn der Moderne und wird kein Held mit eigener Identit„t.

Die Moderne l„sst den Sohn nicht ziehen, sondern macht ihn zum ewigen Knaben. Sie sucht seine Lebendigkeit zu beschneiden, und ist zugleich berw„ltigt von ebendieser Lebendigkeit. Verachtung und Verehrung prallen aufeinander. Die Moderne ist nicht bereit, abzudanken und zu sterben. Sie ist nicht bereit, ihre Macht in die jngere H„nde des Sohnes zu legen und ihn aufzufordern, ohne Vater (Moderne) und Mutter (Autonomie) die Verantwortung zu bernehmen und ein wirklich erwachsener Mann zu werden.

Das Drama der kastrierten Avantgarde spiegelt sich in der šberalterung der europ„ischen Gesellschaften, in der Besetzung von Kunst- und Museumssammlungen durch die "V„ter der Moderne", die gewissermassen als Besatzungsmacht neue Zustr”me verhindern, und in der Dominanz der "Klassiker" in den Bibliotheken, auf den Theaterbhnen und im Geschichtsunterricht. Die aufmpfigen Boten eines avantgardistischen Habitus, die demonstrierende Jugend von 1968 und 1980, wurden bis heute mit Gewalt und Repression von seiten der Polizei und der Politik an der Entfaltung einer eigenen Alternativ- und Jugendkultur gehindert. Der Kulturkampf der Generationen findet auf allen Ebenen statt.

Nicht zuletzt ist Christus am Kreuz zu erw„hnen: Der "geliebte Sohn" muss anstelle des alten Gottes sterben, der es sich nicht nehmen l„sst, weiterhin an der Macht zu bleiben, obwohl es fr ihn Zeit w„re abzutreten. Jesus stirbt stellvertretend fr den "alten K”nig", wie die Jugendkultur fr die Dominanz ber- bzw. ohnm„chtiger V„ter und die Avantgarde fr das Fortleben des Mythos der Moderne geopfert wurden.

"Der moderne Knstler muss Picasso hassen, um etwas Neues hervorzubringen, so wie Courbet Delacroix hasste. Der Sohn muss den Vater hassen, um ein guter Sohn zu sein", „usserte Marcel Duchamp 1933 in einem Interview. "Es gibt keine guten V„ter, das ist die Regel; die Schuld daran soll man nicht den M„nnern geben, sondern dem Band der Vaterschaft, das faul ist." Das schrieb Jean-Paul Sartre, der sich glcklich sch„tzte, dass sein Erzeuger kurz nach seiner Geburt starb und er ohne Vater aufwuchs, unbeschwert von jeglichem šber-Ich, ohne diktatorische Autorit„t, die nur Gehorsam, Unterwerfung oder Nachahmung zul„sst.

IV. Selbstbestimmung steht fr politische Freiheit

Das Jahr 1989 brachte eine folgenschwere Wende: Die Verteidigung der Freiheit (im demokratischen Westen) gegen die „ussere Bedrohung der Zwangsherrschaft (aus dem kommunistischen Osten) trifft die heutige Lage nicht mehr. Der Osten hat sich auf den Weg zu Freiheit und Selbstbestimmung gemacht und damit ein Postulat aus der Zeit der Franz”sischen Revolution eingel”st.

Es gibt jedoch auch die Freiheit zum T”ten: Ex-Jugoslawien. Der Krieg als „ussertes Gegenstck zur Freiheit: In Tschetschenien geht die russische Armee, in Kurdistan die trkische Armee gewaltsam gegen politische Autonomiebestrebungen vor. Vergessen geht: Alle V”lker haben das Recht auf Selbstbestimmung.

Der Art. 20 der afrikanischen Menschenrechtscharta von 1982 lautet: "Die unter Kolonialherrschaft oder in Unterdrckung lebenden V”lker haben das Recht, sich von den Fesseln der Fremdherrschaft ... zu befreien."

Die Geste der Freiheit ist das Lachen. In die Freiheit entlassen, lacht Nelson Mandela. Andere lachen siegesgewiss. Es ist das Lachen, das den andern erniedrigt, es ist das Lachen, hinter dem man sich versteckt. Das Lachen ist der ad„quate Ausdruck einer hinterh„ltigen Kommunikation, eines eingeschliffenen Versteckspiels, wo nicht die Mitteilung wichtig ist, sondern Irrefhrung und Machtdemonstration.

V. Selbstbestimmung gleich Selbstverantwortung

Der Schweizer Theologe Hans Kng, der sich fr ein "Weltethos" einsetzt, weil er der šberzeugung ist, dass es ohne Friede zwischen den Religionen keinen Frieden zwischen den V”lkern geben kann, sucht nach einem Grundstock gemeinsamer Werte, Haltungen und Normen. "Tue keinem an, was du nicht willst, dass er dir tut", dieser Grundsatz etwa ist in allen grossen Religionen pr„sent.

Kng spricht davon, dass die Menschen, so wie sie selbst ber die Geburt ihrer Kinder bestimmen k”nnen, ebenfalls die Verantwortung ber ihren Tod bernehmen sollten, der nicht mehr gottgewollt sein kann. "Mit der Freiheit hat Gott dem Menschen auch das Recht zur vollen Selbstbestimmung gegeben. Selbstbestimmung meint nicht Willkr, sondern Gewissensentscheidung. Selbstbestimmung schliesst immer Selbstverantwortung ein."

Kngs befreiende Worte mssen vor dem Hintergrund der in diesen Tagen erschienenen p„pstlichen Enzyklika "Evangelium vitae" gelesen werden, welcher gem„ss Ehebrecher, Selbstm”rder, wiederverheiratete Geschiedene, praktizierende Homosexuelle und all jene, die knstlich verhten, abtreiben oder auch nur onanieren, dem Status der Todsnde ausgesetzt sind.

VI. Selbstbestimmung als grenzenlose Freiheit oder Von der Freiheit des Free Jazz
(von Christian Rentsch)

Freiheit ist ein hartes Gesch„ft. Kaum hat man einen Zipfel davon errungen, da gebiert sie selber neue Normen- und Regelwerke, erstarrt die neue Freiheit wieder zur alten Unfreiheit, und man ist so weit als wie zuvor. Die Epoche des Jazz, der sich selber Free nannte und im klaren Kontext von Studentenrevolte, Black Power, Pariser Mai und Prager Frhling stand, aber auch im Zeichen von freier Liebe, freier Erziehung und antiautori„rer Rebellion gegen die Hierarchien, ist schon eine ganze Weile vorbei. Seit die freie Marktwirtschaft den Sozialismus besiegt hat, das Geld vor dem Endsieg ber die Menschen steht, ist die Freiheit fast grenzenlos geworden, zumindest jene des Kapitals. Schlechte Zeiten fr eine Musik, die sich die Freiheit nimmt, nur ihrer eigenen und nicht der Profitlogik zu folgen.

VII. Selbstbestimmung oder Die Hoffnungslosigkeit der Generation X

Zuerst ver”ffentlicht der kanadische Schriststeller Douglas Coupland einen erfolgreichen Erstlingsroman mit dem Titel "Generation X", dann gelingt dem amerikanischen Jungregisseur Richard Linklater mit seinem 3000-Dollar-Film "Slacker" ein šberraschungserfolg, und schliesslich wird der Musiker Kurt Cobain, Frontman der Seattle-Grunge-Band Nirvana, zum Idol fr ein Heer von 15- bis 35j„hrigen stilisiert (und sein Selbstmord zum Fanal der Hoffnungslosigkeit): Die Generation X war geboren.

Die "Slacker", zu deutsch Taugenichtse, Faulpelze, sind die Kinder der Neunziger, der Post-Yuppie-Generation. Was die Slacker, eine Art Neohippie, von ihren Vorg„ngern aus der Woodstock„ra unterscheidet, ist ihre pragmatische und abgekl„rte Haltung gegenber den wichtigen Dingen des Lebens wie Liebe, Sex und Arbeit. Sie glauben nicht mehr an Karriere und sind extreme Individualisten.

Im Lebensstil der Generation X haben Schrifsteller, Filmemacher und Werbestrategen eine „sthetische Differenz entdeckt und sich an die kommerzielle Vermarktung gemacht. Nirvana-S„nger Kurt Cobain zerbrach an genau solchen Vermarktungsstrategien, an der pl”tzlichen Vereinnahmunmg seiner und einer ganzen Generation Hoffnungslosigkeit. 1984 schoss er sich mit einer Schrotflinte in den Kopf und zugleich ins Jenseits, und hinterliess Frau und Kind im Diesseits.

Die Slacker-Philosophie ist selbstzerst”rerisch: Es ist eine ble Welt þ eine Welt ohne Hoffnung und Moral, die selbst Illusionen keinen Platz l„sst. Da bleibt nur Zynismus: Spass haben, solange noch m”glich. Eine abgefeimte Coolness macht sich breit, die dem Lauf der Welt keinen Sinn abgewinnen kann. Beklagt und beschworen wird die eigene Machtlosigkeit gegenber gesellschaftlichen und politischen Ver„nderungen, was zu einer Weltfremdheit einerseits und Introvertiertheit andererseits fhrt: Wer nichts ist, wer keine Bedeutung hat, der muss sich auch fr nichts veranwortlich fhlen, sei es die Umweltverschmutzung, die Proletarisierung der Gesellschaft, das Bruttosozialprodukt oder den Niedergang des Pop. Das wiederum, so paradox dies klingen mag, schafft neue (kreative) Bewegungsfreiheit, weil es vom Zwang zur aktiven Einmischung und von der šbernahme pers”nlicher Verantwortung enthebt. Der 23j„hrige amerikanische Musiker Beck, Neo-Star und Vorzeige-Kid der Generation X, traf mit dem fr”hlich groovenden Song "I'am A Loser, Baby, So Why Don't You Kill Me?" den Nerv einer neuen jugendlichen Dekadenz, fr welche die Welt ausserhalb der eigenen Befindlichkeit keine Rolle mehr spielt.

Sollte es bildende Knstler der Generation X geben, so werden ihre Werke bestimmt frisch und umittelbar daher kommen. Es werden Arbeiten sein, die verwirren und beunrunhigen, in ihnen werden sich No-Future-Haltung und der Hang zur Utopie die Waage halten, sie werden, indem sie nur so strotzen von Gegens„tzen und Kontrasten, die Betrachter auf eine knstlerische Achterbahnfahrt entfhren.

Baden, anfangs April 1995
Paolo Bianchi, St. Georgstr. 8, Postfach, CH-5401 Baden, Switzerland
Fon +41 56 26 33 64, Fax +41 56 26 93 28